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Buchtipp: Der Spendenkomplex von Alexander Glück
28.10.2008
 



In seinem Buch „Der Spendenkomplex“ liefert Alexander Glück eine kritische Bestandsaufnahme der Spendenkultur. Aufgrund der zeitlichen Nähe des Erscheinungsdatums (August 2008) und der UNICEF-Krise liegt die Vermutung nahe, dass Glücks Werk als Reaktion auf den Skandal aufzufassen ist. Dies trifft jedoch nicht zu, da Glücks Buch zu diesem Zeitpunkt bereits fast fertig war. „Aber die aktuelle Diskussion ist ein sicheres Indiz dafür, dass dieses Buch zur richtigen Zeit erscheint.“ (Glück 2008, S. 12.)

Im Jahr 1969 in Osinga geboren, engagierte sich Alexander Glück bereits im Rahmen seines Zivildienstes im Rettungswesen. Auch während seines Studiums (Buchwesen, Politikwissenschaft, Deutsche Volkskunde) blieb er dem medizinischen Bereich durch seine Tätigkeit als Pflegekraft auf einer Akutstation treu. Darüber hinaus engagierte sich Glück ab  2003 für verschiedene Hilfswerke in Rumänien und erhielt dabei unmittelbare Einblicke in die Kooperationsstrukturen zwischen Helfern und Unterstützern. In den 90er-Jahren verlegte er seinen privaten und beruflichen Schwerpunkt nach Österreich, wo er seit 1996 in Wien und Hollabrunn als Publizist arbeitet. Alexander Glück veröffentlicht seine Beiträge u.a. in folgenden Medien: „Frankfurter Rundschau“, „Stern“, „Standard“ und „Die Presse“.

Den Auftakt des Buches bildet das Vorwort, es folgen die Einleitung und vierzehn weitere Kapitel, darunter ein Exkurs zum Thema „Das eigene und das fremde Kind – Ein Unterschied?“ Der elf Seiten umfassende Ausklang und ein kurzer Abriss zur Vita des Autors bilden den Abschluss. Das Buch besteht zum größten Teil aus Fließtexten, es enthält aber auch drei Interviews. Im ersten Interview spricht Glück mit einer Spenderin, die nach einer gemeinsamen Entscheidung mit ihrem Ehemann fünf Jahre lang eines der beiden Einkommen komplett gespendet hat. Im zweiten befragt der Autor den österreichischen Nationalratsabgeordneten Dr. Franz-Joseph Huainigg zum Thema Spenden und Spenderverhalten. Gesprächspartner des dritten Interviews ist Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des DZI (Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen).

Alexander Glück unterzieht sowohl die Arbeit von Hilfsorganisationen als auch das Verhalten von Spendern einer kritischen Betrachtung. Sein primäres Anliegen ist jedoch, die Spender für einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren Spenden zu sensibilisieren. Sein Fokus liegt auf dem Innenleben der Spender und er lädt den Leser seines Buches dazu ein, „seine eigenen Reflexe und Beweggründe des Spendens oder auch Nichtspendens, seine Ansichten und Überzeugungen einer schonungslosen Inventur zu unterziehen.“ (Glück 2008, S. 23.)

Zunächst sei eine kleine Auswahl von Glücks Kritikpunkten genannt, welche die Arbeit von Hilfsorganisationen betreffen.
Glück bemängelt beispielsweise, dass der Anteil der Spendengelder, den die mit dem Spendensiegel des DZI ausgezeichneten Organisationen im Durchschnitt für Verwaltung und Werbung verwenden, in den vergangenen Jahren um zwei Drittel gestiegen sei. Lag er im Jahr 2000 noch bei 9,1 Prozent, beträgt er mittlerweile 15 Prozent.

Des Weiteren kritisiert Glück, dass einige Organisationen die Mitleidsebene bedienen, um Spender zu gewinnen. Als Instrumente verwenden diese Organisationen äußerst drastische Fotos von Menschen oder Tieren und stark übertreibende Texte.

Bezüglich der Ansprache potenzieller Spender macht Glück auf einen weiteren Kritikpunkt aufmerksam. Die Spendenindustrie stellt mittlerweile sehr oft den Spender in den Mittelpunkt, während sie Informationen über die Lebensumstände der Hilfsbedürftigen erst an 2. oder 3. Stelle nennt, „(...) dabei sollte man doch annehmen, dass die Lebenssituation von Elendsschicksalen im Vordergrund zu stehen hat.“ (Glück 2008, S. 15)

Bei der Betrachtung des Verhaltens und der Motive von Spendern hat Alexander Glück beispielsweise beobachtet, dass einige Spender nur deshalb spenden, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, resultierend aus der Diskrepanz zwischen dem eigenen Wohlstand und den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen in den Entwicklungsländern. Bei Spendern aus dem deutschsprachigen Raum spiele zudem „der unbewusste Freikauf aus der geschichtlichen Last eine tragende Rolle.“ (Glück 2008, S. 63)
Darüber hinaus verschafft das Spenden vielen Spendern ein „nettes Edelmutsgefühl“. (Glück 2008, S. 114). In beiden Fällen steht nicht das soziale Engagement im Vordergrund, sondern das eigene Wohlempfinden.

Anlass zur Kritik gibt auch der Umgang von Paten mit den persönlichen Informationen über ihre Patenkinder. Einige Paten nehmen sich das Recht heraus, die Lebensgeschichte ihres Patenkindes im Internet zu präsentieren und zu entscheiden, wer Zugang zu diesen Informationen bekommt. An dieser Entscheidung werden weder die Patenkinder noch deren Familien beteiligt, sodass eine Situation entsteht, in der „das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ verletzt wird. (Glück 2008, S. 42)

Glück besitzt eine sehr flotte, ansprechende Schreibe und eine bildreiche Sprache. Dass es aber in seinem Buch um ein sehr ernstes Thema geht, gerät dabei nie in den Hintergrund. Dies ist eine der großen Stärken des Buches.

Eine weitere Stärke des Buches besteht in dem Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten. Als Beispiel sei Glücks Lösungsvorschlag im Zusammenhang mit den Patenschaften von Heimkindern in Rumänien genannt. Seit der rumänischen Revolution vom Dezember 1989 erhalten die Kinderheime in Rumänien eine umfassende Unterstützung. Mittlerweile ist eine Situation entstanden, in der die Heimkinder gegenüber Kindern armer Familien privilegiert sind. Während die Heimkinder genügend zu essen bekommen, in eigenen Betten schlafen und von ihren Paten Luxusgeschenke erhalten, leiden Kinder armer Familien unter Hunger und schwierigen Wohnverhältnissen. Um diesen Zustand auszugleichen schlägt Alexander Glück den Paten Folgendes vor: Die Unterstützung der Kinderheime soll weiter beibehalten werden, „aber man sollte zugleich darauf achten, ob man nicht mit einem Teil des Einsatzes woanders mehr erreichen kann. 25 Euro entfalten bei einer kinderreichen Familie, kontrolliert eingesetzt, wesentlich mehr Hilfs-Effekt, als wenn man seinem Patenkind davon irgendwelchen Luxus kauft.“ (Glück 2008, S. 164).

Abschließend sei noch erwähnt, dass Alexander Glück in seinem Buch nicht nur Negativbeispiele aufzeigt, sondern auch darauf hinweist, dass es Organisationen gibt, die sehr gute Arbeit leisten, und Spender, die verantwortungsbewusst handeln.

Wünschenswert wäre es, dass durch die Lektüre des Buches zahlreiche weitere positive Beispiele hinzukommen.

Anke Hackenberg

Alexander Glück: Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen, Berlin, TRANSIT-Buchverlag, 2008, 180 Seiten, Broschur, € 14, 80 (D), ISBN 978-3-88747-234-4



   


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